
Mitteilung
Zwischen medizinischem Auftrag, Recht und Ethik
Was darf medizinisches Personal in einem bewaffneten Konflikt und welche besonderen Rechte oder Pflichten gelten für die Sanität? Wie entscheidet man, wenn medizinische, militärische, rechtliche und ethische Anforderungen miteinander in Konflikt geraten? Mit genau diesen Fragen beschäftigten sich internationale Fachpersonen in Schwarzenberg LU. Vom 6. bis 11. September 2026 fanden zwei Kurse des ICMM Centre of Reference for Education on International Humanitarian Law and Ethics statt. Die Sanität der Schweizer Armee nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.
Text: LBA – Sanität, Anita Zahnd

Wer in einem bewaffneten Konflikt medizinische Verantwortung trägt, bewegt sich in einem aussergewöhnlichen Spannungsfeld. Verwundete und Kranke müssen versorgt, medizinische Ressourcen eingesetzt und Entscheidungen unter hohem Zeitdruck getroffen werden. Gleichzeitig gelten das humanitäre Völkerrecht und besondere ethische Grundsätze. Medizinisches Personal muss deshalb nicht nur medizinisch kompetent handeln, sondern auch wissen, welche Rechte, Pflichten und Grenzen für ihre Tätigkeit gelten. Genau an dieser Schnittstelle setzen zwei internationale Kurse an, welche im Bildungszentrum Matt in Schwarzenberg LU durchgeführt wurden: der 26th ICMM Specialized Course for Military Medical Personnel on the Law of Armed Conflict (LoAC) und der 14th ICMM Course on Military Medical Ethics in Times of Armed Conflict (MME).
Bindeglied zwischen Medizin und humanitärem Völkerrecht
Für die Sanität besitzt das humanitäre Völkerrecht eine besondere Bedeutung und endet nicht bei der medizinischen Behandlung. Sanitätspersonal muss die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen und diese auch unter schwierigen Einsatzbedingungen anwenden können. Der LoAC-Kurs – Law of Armed Conflict – richtet deshalb den Blick gezielt auf das humanitäre Völkerrecht und dessen Bedeutung für militärmedizinisches Personal. Die Teilnehmenden setzten sich mit den Verantwortlichkeiten der Sanität auseinander, lernten Möglichkeiten und Grenzen des Kriegsvölkerrechts kennen und analysierten aktuelle Herausforderungen aus militärischen Operationen. Dabei ging es um weit mehr als theoretisches Rechtswissen. Im Einsatz müssen die entsprechenden Regeln verstanden und auf konkrete Situationen übertragen werden können. Gerade medizinisches Personal kann dabei vor anspruchsvollen Fragen stehen: Wer hat Anspruch auf medizinische Versorgung? Welche Bedeutung besitzt der Schutz des Sanitätspersonals und medizinischer Einrichtungen? Wo liegen die Grenzen militärischer Anforderungen gegenüber dem medizinischen Auftrag? Die Kenntnisse des humanitären Völkerrechts sind für militärmedizinisches Personal keine Zusatzqualifikation, sondern ein wesentlicher Bestandteil professionellen Handelns im bewaffneten Konflikt.
Wenn richtig und falsch nicht eindeutig sind
Doch selbst wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen bekannt sind, bleiben Situationen, in denen eine Entscheidung nicht allein mit einem Blick auf die Rechtslage beantwortet werden kann. Hier setzt der zweite Kurs an. Der Military Medical Ethics Course (MME) beschäftigt sich mit ethischen Dilemmasituationen in militärischen Operationen. Ziel ist es, solche Situationen zu erkennen, systematisch zu analysieren und Entscheidungen zu treffen, die rechtlich als auch ethisch begründet werden können. Gearbeitet wurde mit Fallbeispielen, die sich an Situationen und Erfahrungen aus realen oder aktuellen Einsätzen orientieren.
Gerade für die Sanität ist diese Fähigkeit von besonderer Bedeutung. Medizinisches Personal trägt eine Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten und ist gleichzeitig Teil einer militärischen Organisation. In Extremsituationen können daraus Zielkonflikte entstehen. Der MME-Kurs schafft einen Raum, solche Situationen nicht nur medizinisch oder militärisch, sondern gemeinsam aus ethischer und rechtlicher Perspektive zu betrachten. Der Austausch ist dabei bewusst international und interdisziplinär angelegt.
Schweizer Engagement mit internationaler Ausrichtung
Das Zusammenspiel der beiden Kurse macht ihren besonderen Wert aus: Damit verbindet diese Ausbildung Bereiche, die im Einsatz unmittelbar zusammengehören: medizinische Kompetenz, humanitäres Völkerrecht und ethische Verantwortung.
Das Gastland Schweiz nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und schafft einen geschützten Rahmen, in dem auch anspruchsvolle Fragestellungen offen diskutiert und Erfahrungen zwischen den Nationen ausgetauscht werden können. Für Kurskommandant Oberst Milos Sekulic liegt darin eine besondere Stärke: «Die Schweiz öffnet als Gastland die Türen für den Dialog zwischen den Nationen. Die Teilnehmenden reisen als Botschafter in ihre Länder zurück und tragen die Erkenntnisse und Erfahrungen aus diesem Austausch weiter.»
Getragen werden die Kurse vom ICMM Centre of Reference for Education on International Humanitarian Law and Ethics, welches Fachpersonen aus Medizin, Recht, Philosophie und Militär zusammenbringt. Die Sanität der Schweizer Armee ist dabei eng eingebunden: Das Centre of Reference ist dem Oberfeldarzt der Armee sowie dem Generalsekretär des International Committee of Military Medicine (ICMM) unterstellt. Das in der Schweiz erworbene Wissen und der internationale Dialog werden in die jeweiligen Länder und Organisationen weitergetragen – und tragen zu einem gemeinsamen Verständnis von Recht, Ethik und Verantwortung in der Militärmedizin bei. Die Vorbereitungen für die nächsten Kurse, welche vom 1. bis 10. September 2027 stattfinden, sind bereits gestartet. Weitere Informationen sowie die Ausschreibung sind auf der Website des International Committee of Military Medicine (ICMM) unter www.melac.ch verfügbar.





